Ortsverein Karlsruhe-Mitte

Aufforderung zur vierbeinigen Gangart

Presseecho

NZZ vom 24.05.08
von Manfred Schneider
Vor gut einhundert Jahren verkündete die schwedische Autorin Ellen Key das «Jahrhundert des Kindes». Jetzt ist das Jahrhundert der Infantilisierung angebrochen. Die Gesellschaften Mitteleuropas, die ihren Fortbestand nicht mehr durch Kinder, sondern durch das perpetuum juvenile der Alterslosigkeit anstreben, haben dem Kindlichen nicht abgeschworen, sondern sie erheben Kindlichkeit ohne Kinder zur reifen Lebensform.

Als die Neuzeit die Kindheit erfand, um den Kleinen ihr eigenes Reich aus Mutterliebe, Bilderbüchern, Spielzimmern und Erziehungsratgebern zu schenken, da trennte sie eine infantile Parallelwelt ab, wo die zunehmende Komplexität des sozialen Lebens noch nicht gelten sollte. Heute hingegen überschwemmen Sprachen und Kulturen des Infantilen den öffentlichen Raum, um etwa in der Forderung zu kulminieren, dass auch Kindern das politische Wahlrecht eingeräumt werden müsse.
Wohlmeinende Beobachter könnten sagen, dass diese neue Infantilitätskultur einen starken Zug zur Gerechtigkeit habe. Wollen nicht die vielen Menschen, die sich etwa über das Gedeihen von kleinen Eisbären in den Tierparks sorgen, das Abschmelzen des Polareises aufhalten? Ist es nicht vereinte Humanität, wenn Leute aus aller Welt zärtliche Suffixe häufen, um das Nürnberger Eisbärchen Knutschi, Sissi oder Yuki zu taufen? «Wir sind überwältigt von der grossen Anteilnahme», sagte gerührt Nürnbergs Bürgermeister Ulrich Maly, der die Namen-Kampagne initiiert hatte.

50 000 Eisbärenfans, die das liebe Tierchen mit zärtlichen Namen bedenken, machen gewiss noch keine Infantilisierung. Zu ihnen gesellen sich aber als Seelenverwandte die über 400 000 Leser von Charlotte Roches Roman «Feuchtgebiete». Auch in dieser kruden Geschichte regiert eine Infantilität ohne Kind. Denn die kindlich plappernde Heldin dieses Mädchenpornos lässt sich mit achtzehn Jahren sterilisieren, um risikofrei jeden Ekel und jede Lust zu geniessen. Sie besingt alle eigenen wie fremden Ausscheidungen und organischen Abfälle, um sie entweder dem Verzehr oder dem olfaktorischen Genuss zuzuführen.

Der Uterus als Matrix des Sozialen

Im naiven Ton der Mädchenbücher macht die Heldin programmatisch jene elementare Kulturleistung rückgängig, die Sigmund Freud als aufrechten Gang und als phylogenetische Abkehr von den Geruchsreizen der Afterregion beschrieb. Während die Kultur das Rohe und das Gekochte, das Nackte und das Bekleidete unterscheidet, trällert die Autorin das Befreiungsliedchen einer Lust, die keine ästhetischen Unterschiede gelten lässt. 400 000 Leser und Leserinnen erliegen offenbar der von den «Feuchtgebieten» ausgehenden literarischen Verlockung, zur vierbeinigen Gangart zurückzukehren. Wenn sich die Lateiner das Kind als nicht sprechendes Wesen, nämlich als In-fans vorstellten, so bringt diese Literatur das In-nauseans hervor, die plaudernde vierbeinige Ekelfreiheit.

Dies liesse sich den Kühnheiten der Literatur zuschreiben, träte die Autorin Charlotte Roche nicht auch öffentlich als Missionarin auf, die die Gaben aller Drüsen als süsses Geschenk an alle Sinne feiert und die Menschheit von den Vorurteilen des Ekels befreien möchte. Was sich in diesem Büchlein als literarische Regression grosstut, das hat auf andere, intellektuell gewiss ansprechendere Weise Peter Sloterdijk in seinem Gedankenwerk «Blasen» aus dem Jahr 1998 unternommen. Auf vielen hundert Seiten entfaltet er die These, dass jeder Mensch vor allem durch die uterine Partnerschaft mit der mütterlichen Plazenta seine elementaren Objektbeziehungen ausbildet. Der mütterliche Uterus ist buchstäblich die Matrix des Sozialen. Diesen absoluten Anfang, diese Urformation hat nach Sloterdijk die aufgeklärte Menschheit durch die Vermüllung der Plazenta verdorben. Damit hat sie auch die Menschenbeziehungen kontaminiert. Tief im wörtlich Infantilen, im amniotischen Dialog sieht der Philosoph die soziale Welt begründet.

Die Reihe der Beispiele liesse sich unendlich in Erscheinungen der Medien und des Sportes hinein verlängern. Sie rufen die Frage auf: Was treibt Bürger, Intellektuelle, Autoren, Bürgermeister, ja sogar die deutschen Liberalen, die das Wahlrecht für Kinder fordern, in diese kollektive Infantilität ohne Kinder? Warum möchte sie die Evolutionsgeschichte der drei Gangarten, die das Rätsel der Sphinx erzählt, rückgängig machen?

Bereits Theodor W. Adorno beschrieb verschiedene Formen der Regression in der Moderne. Er analysierte die Regression des Hörens, lange bevor Millionen von Kids die Ohrenschnuller ihrer iPods anlegten und Strassen oder U-Bahnen mit den Bildern ihrer abgeflachten Bewusstseinstätigkeit füllten. Wie das öffentliche Sprechen mit Mobiltelefonen überschwemmt dieses öffentliche Hören den Alltag mit aufdringlicher Intimität und Unbefangenheit. Nur Kinder sind im öffentlichen wie intimem Raum gleich unbefangen. Was ist das Motiv? Es ist ostentative Unschuld. In einem seiner späten Stichworte erklärte Theodor W. Adorno, dass das «Entsetzen über Auschwitz» durch eine dem Geist immanente Logik zugleich eine geistige Regression bewirkt haben mag. Eine solche Verstörung können auch weniger furchtbare Entsetzensgründe auslösen.

Wille zur Unschuld

Was den Zeitgenossen in die Regression treibt, so liesse sich Adornos Überlegung auch verstehen, ist der Wille zur Unschuld. Die ostentative Infantilität gibt sich als Unschuld. Die Intimisierung und Infantilisierung unserer Moderne bildet aber genau die Kehrseite des Politischen, denn das Politische verbindet sich seit Aristoteles mit dem öffentlichen Auftreten des Bürgers und mit der Teilhabe an der allgemeinen Kommunikation. «'s ist leider Krieg - und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!», dichtete Matthias Claudius; aber wer wie er nach Unschuld verlangt, räumt gerade die Möglichkeit der Schuld ein. Der Zeitgenosse hingegen entzieht sich im Halbbewusstsein der Kindlichkeit seiner Unruhe und seiner Verantwortung. Er möchte Teil einer unschuldigen Natur sein. Wo das Politische geleugnet wird und wo sich eine Pseudonatur breitmacht, da tritt die Ideologie auf den Plan. Das Rätsel der Sphinx, das Ödipus löste, die Geschichte des Übergangs von der vierbeinigen zur zweibeinigen Gangart, wollte der Welt sagen, dass der Weg vom Kind zum Erwachsenen die Annahme von Schuld verlangt.
Prof. Dr. Manfred Schneider lehrt deutsche Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Zu seinen bekanntesten Werken gehören «Liebe und Betrug. Die Sprachen des Verlangens» (1992), «Der Barbar. Endzeitstimmung und Kulturrecycling» (1997).

 
 

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